Asamogawa Onsen sayonara
Das heisseste Onsen in Tango
Wir besuchten das Asamogawa Onsen schon seit unserer frühster Kindheit. Obwohl wir meistens nur in den Sommerferien in Japan waren, besuchten wir mindestens einmal die Woche das Onsen auf dem Hügel in Asamogawa. Unsere Mutter packte uns jeweils frische Unterwäsche in einen kleinen Beutel und schickte uns mit unserem Grossvater ins Onsen, das sich nur 10 Minuten von unserem Haus befand. Das Asamogawa Onsen war bekannt dafür, das heisseste Onsen in Kyotango zu sein. Als Kinder war es für uns eine Mutprobe, in die heissen Becken zu steigen und möglichst lange darin zu bleiben. Unsere Haut wurde rot und unsere Mutter sagte, wir sehen aus wie Kani (die Krebse, die man in Tango im Herbst isst).
5 Minuten zu spät
Das Asamogawa Onsen hatte auch einen Pool. Dieser war vor allem für die Schulkinder der Region, konnte aber auch von externen Gästen benutzt werden. Das Wasser war Quellwasser, wie im Onsen. Das Schwimmbad schloss um 19 Uhr, der letzte Eintritt war um 18 Uhr. Ich erinnere mich, dass ich einmal um 18.05 ins Schwimmbad wollte – die Angestellte, welche ich schon gut kannte, sagte, sie könne mich nicht mehr hineinlassen. Bis um 18.03 könnte es sein, dass meine Uhr falsch geht – aber um 18.05 ist es definitiv zu spät. Das sei halt die Regel.
Fernes Infrarot im Wasser
Als ich ein Jahr mit meiner Grossmutter im kleinen Fischerdorf Mitsu in Kyotango lebte und plötzlich auf einen Schlag Mitte Dezember der Winter einbrach, lernte ich das Asamogawa Onsen zu schätzen. Das alte Haus meiner Grossmutter hatte dünne Wände ohne Isolation – Draussen und drinnen herrschte die gleiche Temperatur. Einzig im Wohnzimmer hatten wir einen Kerosin Ofen, der das Zimmer heizte. Ich konnte mich nur schlecht an die Kälte gewöhnen und hatte ständig kalte Füsse. Es war in diesem Winter, als ich das Wort «遠赤外線» (ensekigaizen, fernes Infrarot) kennen lernte. Offenbar, so sagte mir Obachan beiläufig, enthält das Wasser im Onsen viel fernes Infrarot, weil es durch Steine unter der Erde aufgewärmt wird. Wenn man in Wasser mit viel fernem Infrarot badet respektive sich aufwärmt, wärmt man sich bis in die Mitte des Körpers auf (naka made). Als ich in diesem Winter, durchgefroren das Onsen aufsuchte, stellte ich fest, dass ich nach dem Onsen Besuch für die nächsten 2-3 Stunden aufgewärmt war, auch wenn ich wieder im kalten Haus der Grossmutter war. Das heisse Bad zuhause vermochte mich nicht so stark aufzuwärmen – sobald ich aus der Badewanne stieg, fror ich wieder.
Eine Stempelkarte und ein Würfel
In dieser kalten Winterzeit besuchte ich das Onsen jeden Tag. In der Eingangshalle spielte jeweils eine sanfte Musik und, obwohl ich die MitarbeiterInnen alle kannte, begrüssten sie mich wie einen normalen Gast und gaben mir nicht das Gefühl ich sei seltsam, weil ich jeden Tag kam. Ich kaufte mir eine Stempelkarte und nach 20 Stempeln bekam ich einen Eintritt umsonst. Im Dezember um die Weihnachtszeit konnte man einen grossen Stoffwürfel werfen und bekam dafür die geworfene Zahl als Stempel gutgeschrieben. Zwar würfelte ich nur die eins, freute mich aber dennoch riesig über dieses kleine Spiel. Zu einem Zeitpunkt war noch der Landesweite «Tag des Onsens», da durfte man in eine dunkle Box greifen und sich etwas herausholen – bei mir war es eine Packung Kaugummi. Ich ging oft mit meiner Grossmutter ins Onsen und jedes einzelne Mal, als wir uns im Warteraum nach dem Onsen trafen, sagten wir: Ah, wie gut das tut dieses Onsen!
Eine Million Verlust
Das Asamogawa Onsen war schon länger nicht mehr rentabel – ich hörte einmal, dass jährlich ein Verlust von einer Million entstehen würde. Auch hörte ich, dass früher viele Menschen aus der Region das Onsen besuchten – seit der Auflösung der Jahreskarte jedoch niemand mehr hinging. Alle Freunde die ich fragte sagten jedoch, dass sie seit Jahren nicht mehr in ein Onsen gehen – sie würden zuhause baden. Ende Februar 2025 erhielt ich von meiner Mutter die Nachricht: Asamogawa Onsen ist geschlossen.
Onsen - eine Kultur die schwindet
In Japan gab es früher alleine in Tokio über 2700 öffentliche Onsen – die Menschen wuschen und badeten in den öffentlichen Bädern. Heute gibt es in Tokyo noch ungefähr 500 öffentliche Onsen – diese Entwicklung ist spätestens mit der Schliessung des Asamogawa Onsen in Kyotango angekommen. Ein weiteres Onsen, das Ashinigu Onsen, welches über einen Lift zugänglich ist und in einen Felsen gebaut ist, ist finanziell nur noch bis diesen März gesichert und wird mit grosser Sicherheit auch schliessen.
Als ich diesen Frühling Tango besuchte, fuhr ich als erstes zum Asamogawa Onsen – ich konnte es noch immer nicht richtig glauben, dass es geschlossen war. Als ich durch die grossen Fenster das leere Becken der Schwimmhalle sah, realisierte ich erst, dass es das war – Asamogawa Onsen ist dauerhaft geschlossen und wird nie wieder betrieben werden.
Alternative Nutzung: Furin
Als ich mit dem Auto zum Onsen brauste, um mich davon zu überzeugen, dass es tatsächlich geschlossen war, sah ich zwei Autos auf dem grossen Parkfeld des Onsens parkiert. Ich fuhr an den beiden Autos vorbei und bemerkte im Augenwinkel, dass in einem der beiden Autos eine Frau und ein Mann sich küssten. Als ich beim Onsen am Hügel oben haltete, wechselte die Frau das Auto und schon bald waren die beiden Autos fluchtartig verschwunden. Als ich das später einem Freund erzählte, meinte er, das war bestimmt Furin – ein sogenannter Seitensprung.
Asamogawa Onsen sayonara
Als ich als Kind einmal meiner Mutter zum Abschied Sayonara sagte, klärte sie mich auf, dass man Sayonara erst beim Tod sagen würde. Also erst, wenn man sich niemehr oder für sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde.
Asamogawa Onsen sayonara
(und danke!)
