Der Weg an der Küste von Kyotango
Photo by Yoshida Shuhei

Kotobikihama

Vom Haus unserer Grossmutter in Mitsu läuft man zuerst durch einen Wald, dann durch das kleine Dörflein Asobi – nach den Pinien, die in Sand wachsen, erstreckt sich vor einem einer der schönsten Strände Japans: der Kotobikihama.

Als Kinder gingen wir jeden Tag am Kotobikihama baden. Unser Grossvater holte uns am Abend jeweils ab. Selten einmal wollte unser Vater den Nachhauseweg nach Mitsu mit uns zu Fuss gehen. Nach einem Tag am Strand waren wir erschöpft und der Weg nach Hause schien für uns ewig weit.  

Kotobikihama - geschützt und immer Menschenleer

Eine mysteriöse Garage

Später, als ich mit meiner Schwester die Sommer in Mitsu verbrachte, gingen wir immer zu Fuss an den Strand. Durch den täglichen Spaziergang fiel uns das letzte Haus von Asobi auf. Das Haus hatte einen sauber geteerten Vorplatz, sah aber sonst mit den zwei kleinen Fenstern und der Metalltür nicht wie ein Wohnhaus, sondern vielmehr wie eine Art Lager oder Garage aus. Ich habe mich nie für Häuser interessiert – aber meine Schwester wurde ungewöhnlich Neugierig. Sie wollte das Haus von vorne sehen, weshalb wir einen Schnorchelgang zum Wellenbrecher, der sich vor Asobis kleinem Hafen befindet, machten. Vom Wellenbrecher her erkannten wir das Haus sofort. Gegen das Meer stand es auf einer Felsklippe – die Fassade war mit riesigen Fenstern ausgestattet.

asobi Kro a holiday house in Kyotango
Asobi Haus von vorne - Ist es eine Garage oder ein Wohnhaus?

Niemand kennt das Haus in Asobi

Wir waren begeistert von dem Haus, es war einzigartig. In Tango baut man nicht am Meer, viel zu mühsam ist der Sturm im Winter, der das Meerwasser an die Küste peitscht und so die Autos und Häuser zerfrisst. Das kleine Dorf Takano grenzt an einen Strand – eine schmale Häuserreihe trennt das Dorf vom Meer. Kleine Ferienhäuser mit bester Aussicht, könnte man meinen, doch es sind alles Garagen für die Autos der Dorfbewohner. Das Meer ist wild, sagen die Menschen und man würde es sowieso jeden Tag sehen – weshalb also ein Fenster zum Meer? Das Meer, das ist da und war schon immer da.

Auf unserem nächsten Spaziergang zum Kotobikihama trauten wir uns, uns um das Haus zu schleichen und wir betrachteten die Vorderseite. Es fühlte sich an, als wären wir kleine Kinder, die etwas Verbotenes taten. Durch das grosse Fenster konnte man ein wenig von der Einrichtung erkennen: ein grosser Holztisch, eine Hängelampe. Ich schaute durch ein kleines Fenster im Erdgeschoss und konnte direkt dahinter eine Badewanne, ein Ofuro erkennen. Wir waren nun regelrecht besessen von dem Haus. Wir fragten herum, doch niemand wusste etwas über das Haus oder dessen Besitzer. Schliesslich, am Tag unserer Abreise, beschlossen wir, einen Brief im Asobi Haus zu deponieren. Als ich den Brief in den Briefschlitz des Hauses warf, sah ich, dass sich in der Briefbox zahlreiche ungeöffnete Briefe befanden – dennoch war es unsere einzige Hoffnung.

Sicht auf Tateiwa neben dem Dorf Takano - Photo by Yoshida Suhei
Sicht von MItsu auf Asobi
Wem gehört das letzte Haus von Asobi - Photo by Yoshida Suhei
Die Vorderseite des Asobi-Haus

A fatal error

Zurück in der Schweiz verblasste die Erinnerung an das Haus in Asobi schnell. Im harten Schweizer Winter kann man sich nicht vorstellen, dass der Sommer jemals wieder zurückkehren wird. Im Januar landete plötzlich eine E-Mail in unserem Postfach, Absender: Yuki vom Asobi Haus.  Es war ein herzliches E-Mail von Yuki, deren Schwiegervater das Haus in Asobi gehört. Wir fragten Yuki, ob wir das Haus im kommenden Sommer mieten dürften, doch erhielten wir einzig als Antwort: «The following addresses had permanent fatal errors» Was wir auch unternahmen, die Mail konnte nicht zugestellt werden. Wir waren enttäuscht, Yuki blieb für uns unerreichbar.

Im darauffolgenden Sommer wohnten wir wieder im Haus unserer Grossmutter. Jedes Mal, wenn wir am Haus in Asobi vorbeigingen, sprachen wir darüber, wie wir doch noch versuchen könnten, Yuki zu kontaktieren. 

Sicht auf das Japanische Meer
Photo by Yoshida Suhei
Photo by Yoshida Suhei

Die teuersten Wagashi aus Kyoto

Ich war in diesem Jahr länger in Kyoto und Ende Jahr verbrachte ich einen Monat alleine mit meiner Grossmutter in Mitsu. Anfangs Dezember war es immer noch warm in Tango, ich konnte es kaum fassen, wie schön der Japanische Herbst war. Überall Momiji, das rote Herbstlaub. Heute ist Akibare, erklärte mir meine Grossmutter, mildes Herbstwetter. An solchen Tagen unternahm ich oft lange Spaziergänge zum Strand. Und immer, wenn ich am Asobi-Haus vorbeikam, regte sich in mir ein Gefühl der Dringlichkeit – es muss doch möglich sein, Yuki ausfindig zu machen. Wagemutig fasste ich den Plan, mich mit Toshi, dem Dorfältesten von Asobi, in Verbindung zu setzen. Ich kaufte in Kyoto die teuersten Wagashi, die ich finden konnte und klingelte bei Toshis Haus. Er öffnete etwas überrascht die Tür und, da es bereits dunkel war, konnte er mich wohl nicht richtig erkennen. Ich erklärte ihm, dass ich in Mitsu wohnen würde und mich einmal bei ihm vorstellen wollte. Ich überreichte ihm etwas vorschnell die Packung Wagashi, ein Omiyage aus Kyoto, worauf er meinte, das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Und ich spürte, dass er das wirklich so meinte, es war unnötig. Entweder, weil er Wagashi nicht mochte oder weil er mich schon unzählige Male gesehen und auch gegrüsst hatte – komm jederzeit vorbei, sagte er, vielleicht das nächste Mal, wenn es noch hell ist. Ich verabschiedete mich peinlich berührt und ging die dunkle und verlassene Strasse nach Mitsu entlang nach Hause.

Die Begegnung mit Toshi bremste meinen Mut – ausserdem war es mir peinlich, nochmals bei ihm vorbeizugehen. Glücklicherweise war eine zweite Begegnung nicht mehr nötig. Auf einem meiner Herbstspaziergänge ereignete sich eine Begegnung, welche die Suche nach Yuki beenden sollte. Ich lernte Daryl kennen, der schon lange in Asobi lebt. Nur selten kehrt er nach Südafrika zurück, alle paar Jahre sagte er. Beiläufig fragte ich ihn nach der Besitzerin des Asobi-Hauses. Yuki, fragte er zurück, die kenne er und er gab mir ohne Weiteres innerhalb weniger Sekunden ihren LINE Kontakt.

Der Leuchturm Todai vor Mitsu
Der Leuchtturm Todai vor Mitsu Photo by Yoshida Suhei
Der Fischerhafen von Mitsu
Hafen von Mitsu Photo by Yoshida Suhei

Asobi-Haus, endlich

Von da an ging es schnell. Ich vereinbarte mit Yuki, das Haus probeweise Mitte Dezember für zwei Tage mieten zu können. Als ich zum Haus fuhr, war ich nervös, endlich, dachte ich, endlich werde ich das Haus betreten dürfen. Ich öffnete die Metalltür und war vom sofort begeistert. Wie jedes Haus in Japan, war auch in diesem Haus ein kleiner Genkan (Bereich zwischen Aussen und Innen) eingebaut, der mit schönen, in die Wände integrierten Shoji-Papierlampen schwach beleuchtet wurde. Ich ging einen engen dunklen Gang entlang, der Boden, dunkel gebeiztes Holz, die Wände helle Zeder, welche einen sanften Duft ausströmte. Vom engen Gang ging ich um eine Ecke, worauf sich mir das offene Treppenhaus eröffnete. In der Mitte des Treppenhauses, auf einer Mittelebene, erblickte ich ein erstes Mal das Meer – nicht durch Fenster, sondern durch zwei schmale Aussparungen in einer Holzwand. Im oberen Stock, dem Wohn- und Schlafbereich blickte ich durch die riesigen Fenster auf das offene, wilde Japanische Meer. Oft blieb ich einfach im Treppenhaus stehen und blickte durch die schmalen Aussparungen auf das Meer – so als müsste ich meine Sicht einschränken, um die unendliche Weite des Meeres, die wir in der Schweiz nicht kennen, überhaupt fassen zu können.

 

Schlafzimmer im Asobi-Haus
Esszimmer im Asobi Haus

Das Meer in der Nacht

Ich hatte vor, im Asobi Haus zu übernachten – doch am Abend wurde das Meer plötzlich unheimlich. Durch die grossen Fenster sah man eine pechschwarze Fläche und hörte das Getose der Wellen, wenn sie auf den Wellenbrecher aufschlugen. Meine Grossmutter lachte mich aus, als ich an ihre Tür klopfte. In der Nacht ist das Meer unheimlich, das sagen alle, meinte sie. Wir setzten uns in den geheizten Kotatsu und schauten gemeinsam das Tigerdrama, eine mittelalterliche Serie, die jeden Sonntag im Fernseher ausgestrahlt wird.

Am nächsten Tag kaufte ich mit Obachan zwei Bento und wir assen sie im Asobi Haus. Obachan konnte meine Begeisterung nicht nachvollziehen – das Haus sei im Sommer bestimmt zu heiss – ausserdem haben Häuser direkt am Meer mit Insekten zu kämpfen, die finden immer einen Weg ins Haus. Auch als ich sie in den gemütlichen Liegestuhl bat, um die Aussicht zu bestaunen, stand sie nach kurzer Zeit wieder auf: Lass uns gehen, sagte sie und wir gingen.

Die Nacht bricht ein - Ika Boote am Horizont
Meine Grossmutter schaut aufs Meer - was sie wohl sieht?

Saiko no Natsu (der beste Sommer)

Im darauffolgenden Sommer verbrachten meine Schwester und ich zwei Wochen im Asobi-Haus. Es war vermutlich die schönste Zeit, die wir bis dahin in Tango erleben durften. Natürlich waren das Wetter, der nahe Strand und die Aussicht fantastisch – doch standen wir bis zu diesem Zeitpunkt in Mitsu stets in der Obhut unserer Grossmutter und Grosstante. Im Kreise der Familie waren wir wie Kinder, auch wenn wir längst erwachsen waren. Es gab Regeln und Erwartungen, die wir im Asobi-Haus hinter uns liessen. Auch hatten wir keine Nachbarn und erst recht keine Vorhänge, die man hätte zuziehen müssen. In jenen Wochen lernten wir Tango als Erwachsene kennen. Wir hatten unser eigenes Haus und trugen die Verantwortung für uns selbst. An dem Ort, den wir seit Geburt kennen, hatten wir begonnen, unserer Kindheit zu entwachsen. Es war in diesem Sommer, als das Projekt momomai erste Züge annahm. Wir waren nun der festen Überzeugung, dass wir hier einen Teil unseres Lebens verbringen wollten.

Photo by Yoshida Suhei

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Asobi Cro kann von Freunden von momomai gemietet werden:  
Kosten high season, Juli – August, erste Nacht CHF250, jede weitere Nacht CHF 110

Kosten normal season, erste Nacht CHF192, jede weitere Nacht CHF110

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